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Live-Voting und Blended Learning im Marketing: Prof. Dr. Markus Voeth

Professor Dr. Markus Voeth ist an der Universität Hohenheim mit zwei Vorlesungen im Bachelor „Wirtschaftswissenschaften“ vertreten: die Vorlesung „Marketing“ im Grundstudium ist konzipiert für ca. 600-800 Studierende, sowie die Vorlesung „Marketing-Management“ im Profilfach Marktorientiertes Management für ca. 300 bis 350 Studierende. Wir haben mit Herrn Voeth darüber gesprochen, wie er Blended-Learning-Werkzeuge wie beispielsweie "Live-Voting" nutzt, um diese Großveranstaltungen studierendenzentriert zu gestalten und Studierende aktiv einzubinden.
Herr Voeth, was ist Ihnen bei Ihren großen Vorlesungen besonders wichtig?
Voeth:  Uns ist es wichtig, dass wir gerade bei Massenveranstaltungen versuchen, die Studierenden in irgendeiner Weise zu integrieren in die Erarbeitung der Inhalte. Und wir haben da mal los gelegt bei dem Versuch, nicht Vorlesungen doppelt lesen zu müssen, wegen der Hörsaalknappheit in Hohenheim, und haben das Konzept des Blended Learning dabei als für uns interessante Möglichkeit identifiziert. Dieses Konzept sieht ja vor, dass man im Grunde neben den klassischen Präsenzvorlesungen eben auch digitale Inhalte den Studierenden zur Verfügung stellt. Und so haben wir eben Videoclips, wir haben eine App[1], wir haben aber auch die Möglichkeit im Hörsaal über Live-Votings zu versuchen, die Studenten zu integrieren, und das ist im Grunde das Zusammenspiel aus klassischer Vorlesungen und diesen digitalen Inhalten, was glaube ich auch unsere Veranstaltung in der Summe auszeichnet.



[1] Die mobile App „Marketing-Management“ ist als begleitende Anwendung zum Lehrbuch „Voeth, M./Herbst, U., Marketing-Management, Stuttgart 2013“ in den jeweiligen App-Stores für mobile Geräte mit IOS und Android erhältlich. Für die volle Funktionalität ist der Kauf des Lehrbuchs erforderlich.
Wie sieht so eine Vorlesungssitzung bei Ihnen aus?
Voeth:  Also bei diesen Veranstaltungen ist es so, dass es immer eine Form von klassischem Vorlesungsinhalt gibt, aber es gibt auch ein integratives Element. Wir fordern die Studenten in der Regel auf dass sie in ihrer Umgebung nach Beispielen suchen zu den Inhalten, die wir im Hörsaal miteinander besprochen haben. Diese stellen wir den Studierenden in Form von Live-Votings in der Vorlesung zur Abstimmung. Da können die Studenten sozusagen auch ihre Sicht, was wirklich hilfreich für das Erreichen von Lernzielen ist, mit in den Hörsaal hineinbringen und über die Live-Votings dann auch sozusagen in aggregierter Form allen anderen zugänglich machen.
Können Sie ein Beispiel für so ein Live-Voting nennen?
Voeth: Wir haben zum Beispiel gefragt, im Bereich der Preispolitik, Preisdifferenzierung: „Dass Unternehmen für ein Produkt von verschiedenen Kunden verschiedene Preise nehmen ist ein typisches Instrument. Sucht doch mal in eurer Umgebung nach Beispielen zur Preisdifferenzierung“. Und dann entdecken die beispielsweise in der Mensa, dass Mitarbeiter einen anderen Betrag fürs Essen zahlen müssen als Studenten, bringen uns das mit einem Foto von ihrem Smartphone über ILIAS zur Kenntnis, und wir wählen das vielleicht als interessantes Beispiel aus, und dann wird es im Hörsaal neben vier oder fünf anderen Beispielen zur Abstimmung gestellt, welche dieser Beispiele für Preisdifferenzierung aus Sicht der Studenten besonders geeignet sind, um vielleicht das Prinzip der Preisdifferenzierung, aber auch vielleicht dessen Grenzen wie zum Beispiel die Akzeptanz in der Kundengruppe, eben besser zu verstehen.
Wie kamen Sie auf die Idee, diese Technik zu verwenden?
Voeth: Wir haben vier Jahren begonnen eine eigene App für unsere beiden großen Bachelorvorlesungen zu entwickeln, und dort ist die App inzwischen seit drei Jahren sozusagen „auf dem Markt“ – sprich: die Studierenden können sie kostenlos nutzen –  und bei der Gelegenheit suchten wir natürlich auch nach Angeboten, die mittels dieser App auch aufgerufen und auch von den Studierenden genutzt werden können. Und da lag es dann nahe, dass man sozusagen auch über diese „Teaching-Locations“ dann sich fragt, ob man die Studierenden vielleicht über dieses „App-integrieren“ auch im Hörsaal noch irgendwie enger in die Erarbeitung der Inhalte einbringen kann. Der Einstieg war eigentlich die App, und dann suchten wir nach weiteren Interaktionsmöglichkeiten und da war dann eben das Voting im Hörsaal eine weitere Facette. Aber das ist, glaube ich, für sich alleine betrachtet nicht die Revolution im Hörsaal, sondern man muss das dann in Verbindung mit allen anderen digitalen Angeboten nehmen, um am Ende auch mehr als sozusagen ein weiteres Element Studierenden anbieten zu können.
Welche Herausforderungen ergeben sich daraus?
Voeth: Also zum Einen ist man natürlich von der Technik abhängig, und wir hatten inzwischen auch verschiedene Ereignisse, wo dann beispielsweise die Software des Veranstalters, der dieses Live-Voting uns anbietet, eben down war, und wir dann verzweifelt versucht haben ein Live-Voting durchzuführen, es aber nicht funktionierte. Also man ist sehr viel technikabhängiger. Das ist aber nicht der einzige Punkt. Der andere Punkt ist: die Studenten haben gutes Gespür dafür: „Was ist Klamauk, und was ist inhaltlich wirklich etwas, was mich weiterbringt“. Ich glaube, man muss auch dieses Live-Voting auf Themen beschränken, wo für den Studenten ein inhaltlicher Mehrwert heraus entsteht. Oder halt ein organisatorischer Mehrwert, wenn es um die Festlegung von Ausweichterminen geht oder ähnlichem, wo man dann wirklich Interesse daran hat, zu wissen, ob 149 freitagnachmittags die Übung haben wollen oder eben nur 72, um eben das bei der Festlegung der Ausweichtermine zu berücksichtigen. Aber entscheidend, glaube ich, ist: der Student hat ein gutes Gespür dafür, ob ihm das etwas bringt, was da an Neuerung im Hörsaal gemacht wird. Und das muss man wirklich bei der Stelle, wie man es einsetzt, wann man es einsetzt, und wie oft man es einsetzt, berücksichtigen.
Und wie kommt das bei den Studierenden an?
Voeth:  Also zunächst einmal ist es sicherlich so, dass man mit solchen Angeboten nicht alle Studenten erreicht. Und damit meine ich nicht, dass irgendwie das Smartphone die Voraussetzung ist, und nicht jeder ein Smartphone hat, sondern im Grunde merkt man, dass ein Teil der Studierenden einfach sich nicht integrieren will. Nicht jeder, der in den Hörsaal geht, will sich einbringen in die Erarbeitung von Inhalten. Deshalb also, zunächst einmal erreichen sie vor allem die engagierten Studenten. Und die engagierten Studenten wiederum, die haben Spaß sich einzubringen, und dementsprechend merkt man einfach ein Stück weit auch an dem persönlichen Feedback, dass Studenten einem in der Evaluation schreiben, dass sie das als gute Idee einstufen, dass das bei, wie gesagt, einem Teil der Studierenden sehr gut ankommt.

Am Anfang hatte ich schon gedacht, das wäre etwas was im Grunde für alle Studenten interessant ist. Aber im Laufe der Zeit haben wir dann schon festgestellt: das ist doch eher etwas für die engagierteren Studenten, und das ist auch eine Erkenntnis, die wichtig ist, weil man an der Stelle dann einfach sagen muss: solche Zusatzangebote sind eben Zusatzangebote, vielleicht für diejenigen, die auch Lust haben, sich da stärker zu integrieren. Man darf nicht den Anspruch haben, damit im Grunde alle im Hörsaal zu erreichen. Wenn man die Hälfte erreicht, vielleicht 60,70 Prozent erreicht, ist es im Grunde schon ein sehr guter Schnitt. Und das ist etwas, was mir erst im Laufe der Zeit klar geworden ist, dass man auch damit leben muss, dass vielleicht 20 oder 30 Prozent bei solchen Dingen nicht mitmachen. Also, wenn sie da 300 Studenten sitzen haben, und sie führen ein Live-Voting durch und dann merken sie, wie die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, obwohl alle ein Smartphone heute haben, vielleicht dann doch nicht über 150 oder 170 hinaus geht, dann ist man am Anfang erstmal enttäuscht. Aber nach einer gewissen Zeit denkt man dann: Okay das ist auch schon toll, dass 170 mitmachen, und kommt gar nicht von dem Anspruch das eben 300 unbedingt bei so einer Sache mitmachen müssten.
Gab es schon überraschende Momente bei einem Live-Voting?

Voeth:  Ja, also das haben sie immer, wenn sie da fünf Beispiele den Studenten zur Abstimmung stellen. Jetzt in diesem Fall, wie ich es beschrieben habe, da haben sie immer den Fall, dass sie selber sich auch eine Meinung bilden. Und da haben sie immer die Erwartungen dass die neuesten und die oftmals auch abgefahrensten Beispiele dann auch von den Studenten mehrheitlich gewählt werden. Und oft ist es so, dass aber die ganz traditionellen Beispiele eigentlich bei den Studenten gut ankommen – was aber auch verständlich ist, weil an denen dann oftmals der eigentlich inhaltliche Kern sehr viel klarer sichtbar wird, als das bei irgendwelchen ganz schwierigen Beispielen der Fall ist, die zwar aktuell sind, und die vielleicht auch neueste Instrumente des Marketings beinhalten, aber wo vielleicht nicht immer so ganz ersichtlich ist, was dann noch sozusagen das Learning daraus ist. Von daher, es muss nicht immer was ganz „abgespacedes“ sein, oftmals reicht es auch, im Grunde einfache Beispiele zu bringen, und das ist dann oftmals entgegen der Erwartung des Dozenten, die er vielleicht vorher gehabt hat.



Für LEAP: Andreas Glombitza-Cevey

Live-Voting: das Wichtigste in Kürze
Wie funktioniert Live-Voting, und wozu lässt es sich einsetzen?
Mittels Live-Voting kann man während der Veranstaltung Fragen an die anwesenden Studierenden stellen, die diese elektronisch beantworten. Bei mündlichen "Fragen ins Publikum" äußern sich in großen Veranstaltungen meist nur die eher forschen Studierenden - Live-Voting ermöglicht es, auch stillere Studierende aktiv einzubeziehen. Eine elektronische Auswertung des Ergebnisses wird direkt angezeigt, und kann während der Veranstaltung kommentiert und eingebunden werden.

So lassen sich Studierende beispielsweise direkt (und anonym) befragen, ob sie einen Lehrinhalt verstanden haben. Dies ist hilfreich, um den Lernfortschritt einzuschätzen. Aber auch andere Szenarien sind denkbar, etwa eine Auswahl der gelungensten, von Studierenden gesammelten Beispiele für ein Phänomen (wie im Interview mit Herrn Voeth vorgestellt).
Live-Voting in ILIAS
Die an deutschen Hochschulen weit verbreitete Lernplattform ILIAS bietet ein integriertes Abstimmungssystem, das für Live-Voting genutzt werden kann. Voraussetzungen sind entsprechende Endgeräte bei den Studierenden (Smartphone, Tablet) und eine Internetverbindung im Hörsaal.

Anleitungen zum Live-Voting via ILIAS finden Sie auf folgendem Webseiten:
http://www.elearning.uni-mainz.de/ilias/live-voting-mit-ilias/
https://kim.uni-hohenheim.de/livevoting
Live-Voting mit Edu-Vote und anderen Anbietern
Der Dienstleister eduVote bietet ebenfalls ein internetbasiertes Audience-Response-System, das an vielen deutschen Hochschulen genutzt wird. Ein Vorteil ist, dass die Nutzung auch ohne eine Lernplattform wie ILIAS möglich ist. Abstimmungen können z. B. auch in Powerpoint-Präsentationen integriert werden.

Wenn Ihre Universität eine Rahmenlizenz besitzt, können Sie sich als Lehrender kostenlos registrieren. Ob dies der Fall ist, können Sie beispielsweie beim Rechenzentrum Ihrer Universität erfragen.

http://www.eduvote.de

Eine weiterer Anbieter internetbasierte Live-Votings ist die Plattform "Kahoot". Hier ist für die Erstellung eines Votings (in der kostenfreien Variante) lediglich die Registrierung der Lehrperson erforderlich.

https://kahoot.com
Live-Voting mit "Clickern"
Mobiler Clicker. Foto: LEAP
Eine weitere Möglichkeit für die Durchführung von Live-Votings bieten "hardwarebasierte" Audience-Response-Systeme, sogenannte "Clicker". Hier erhält jeder Studierende ein kleines Gerät, das ihm ermöglicht, aus einer Auswahl an vorgegebene Antwortmöglichkeiten eine per Knopfdruck auszuwählen. Ein Vorteil ist, dass hierzu keine Internetverbindung und kein zusätzliches Endgerät notwendig ist. Ob für Ihren Hörsaal eine Ausstattung mit "Clickern" möglich ist, können Sie bei der jeweils zuständigen Stelle für die Hörsaaltechnik erfragen.
HDZ-Workshops zu den Themen "Live-Voting" und "Clicker"